„Die Welle reiten“ – Gedanken zu einer gern benutzen Metapher

Die Welle reiten

Ein sehr berühmtes und in aufgeweckten Kreisen gern benutztes Zitat von Nikola Tesla lautet: „Wenn Sie das Universum verstehen möchten, denken Sie daran, wie sich Wellen verhalten.“. Das möchte ich hiermit tun und meine ganz eigene Interpretation anbieten, völlig losgelöst davon, was Tesla damit tatsächlich ausdrücken wollte.

Zunächst möchte ich gerne die Analogie der „Welle“ aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten und auch hier meine ganz eigene Sichtweise ins Feld geben – ob sich diese mit der von Tesla deckt oder nicht, spielt für mich keine Rolle, denn ich greife gerne Gedanken auf, um sie weiter zu entwickeln. Ich komme leider nicht umhin, einleitend einige physikalische Begriffe ins Spiel zu bringen, die aber mit ein wenig Vorstellungsvermögen auch für jeden leicht nachvollziehbar sind. Wer hier Berührungsängste hat, der kann die ersten Absätze auch überspringen, sie sind für das Verständnis der hier geteilten Gedanken nicht notwendig.

Etwas Physik: was ist eine Welle und welche Formen von Wellen kennen wir?

Als studierter Elektrotechniker habe ich das Phänomen der „Welle“ in verschiedenen Ausprägungen kennen gelernt. Ganz grundsätzlich lässt sich eine Welle frei beschreiben als die Ausbreitung von Teilchen oder Energie mit bestimmter Ausbreitungsgeschwindigkeit, Amplitude (Intensität) und Frequenz / Wellenlänge. Denken wir dabei z.B. an die Wellen einer Meeresbrandung, dann wird dies sehr anschaulich. In regelmäßigen Abständen bricht eine Welle am Strand (Frequenz) und jeder Wellenberg bewegt etwa mit derselben Geschwindigkeit auf den Strand zu. Die Intensität (Amplitude) kann sich von Wellenberg zu Wellenberg unterscheiden, was Wellenreiter, um bei dieser Analogie zu bleiben, dazu veranlasst, die „perfekte Welle“ abzupassen, um diese dann zu reiten. Eine Welle besteht hier aus vielen einzelnen Wasserteilchen, die sich in einer bestimmten Weise rhythmisch bewegen und damit Energie transportieren, die sich dann wiederum für die verschiedensten Dinge nutzen lässt.

Hier eine sehr vereinfachte, anschauliche grafische Darstellung einer Welle, wie wir sie aus Physikbüchern kennen:

Die Ausbreitungsgeschwindigkeit ist hier nicht dargestellt, lässt sich aber leicht nachvollziehen, wenn wir uns vorstellen, dass sich die Welle (blau) auf der Zeitachse nach rechts bewegt.

Für Radio- oder Funkwellen gilt dieses Prinzip auf analoge Weise, hier ist es allerdings kein Wasser, das die Energie transportiert, sondern pure Energie mit einer bestimmten Frequenz, die sich mit Lichtgeschwindigkeit im Raum ausbreitet. Auf dieser Trägerwelle lassen sich dann verschiedene Informationen wie Sprache oder Musik codieren, indem weitere Frequenzen mit ihr überlagert und vom Empfänger wieder herausgefiltert werden.

Soweit zur Physik.

Ab jetzt wird es hoffentlich auch für weniger Technik-Begeisterte nachvollziehbarer.

Im Unterschied zu einer Welle, die sich im Raum ausbreitet, gibt es auch die Form der „stehenden Welle“. Oder anders gesagt, eine stehende Welle befindet sich jederzeit, permanent im Feld und kann auch als solche genutzt werden, um sich ihr hinzugeben.

Dieses Phänomen lässt sich im Kontext des „Wellenreitens“ schön anhand der „Eisbachsurfer“ am Englischen Garten in München veranschaulichen:

Aufgrund besonderer Begebenheiten formt die reißende Strömung des Eisbachs an einer bestimmten Stelle eine stehende Welle, die sich, anders als die Meeresbrandung, nicht fortbewegt, sondern an Ort und Stelle bleibt, während das Wasser unter ihr mit hoher Geschwindigkeit durchfließt. Da diese Welle niemals bricht, ist es für geübte Wellenreiter theoretisch möglich, beliebig lange auf ihr zu surfen. Sportler aus der ganzen Welt kommen dafür nach München, um begeisterten Touristen ein einzigartiges Schauspiel zu liefern.

Diese Metapher der stehenden Welle möchte ich im Folgenden aufgreifen, um zu verdeutlichen, was es für mich im übertragenden Sinne bedeutet, „die Welle zu reiten“.

Wenn ich von „die Welle reiten“ spreche, dann meine ich, dass wir „im flow“ sind, dass alles, was uns im Hier und Jetzt widerfährt, ganz von selbst, im Sinne der Schöpfung geschieht. Manchmal erleben wir solche Momente sehr spontan und willkürlich, aber mit ein bisschen Übung ist es jederzeit möglich, in den „Flow“ zu kommen und die perfekte Welle zu reiten. Eben genauso wie ein Surfer nach vielen Jahren des Trainings irgendwann in der Lage ist, die größten Monsterwellen zu reiten.

Wie entsteht eine Welle und durch wen oder was wird sie erzeugt?

Ganz einfach gesagt, ist es völlig irrelevant, wie oder wodurch eine Welle erzeugt wird. Wenn ein Schamane auf seiner Trommel spielt, erzeugt er dann eine Welle oder ist es nicht eher so, dass er sich mit einer bestimmten Frequenz aus dem Feld synchronisiert und sich durch sie „spielen lässt“? Und wenn er aufhört zu spielen, hört dann auch diese Frequenz auf, zu existieren? Nein, der Schamane kann sich jederzeit innerlich wie ein Empfangsgerät auf eine beliebige Frequenz einschwingen und sie in rhythmischen Signalen ausdrücken. Sämtliche Informationen und Frequenzen sind jederzeit und permanent im Feld, auch wenn sie von niemandem wahrgenommen werden – wie ein Musikstück, das niemals auf einen Tonträger verewigt wurde, aber von einem Musiker jederzeit gespielt und frei interpretiert werden kann.

Wellen und Frequenzen umgeben uns also in allen Ausprägungen und in Fülle, egal ob wir sie wahrnehmen oder nicht. Und wir haben die freie Auswahl, auf welche Frequenz wir uns einschwingen und wie oder ob wir sie zum Ausdruck bringen möchten.

Es ist also schon ein wertvoller Schritt, dieses Prinzip für sich selbst, individuell zu verstehen und umzusetzen. Noch interessanter wird es, wenn wir als Gruppe oder Kollektiv „dieselbe Welle reiten“. Was sich leider allzu oft im Alltag als schwieriges Unterfangen zeigt, ist in Wirklichkeit spielerisch leicht, wenn wir achtsam miteinander umgehen. Um zu verdeutlichen, worauf ich hinaus will, möchte noch einmal ausholen und eine weitere Metapher anbieten.

Stellen wir uns dazu eine Gruppe von Menschen vor, die sich trifft um gemeinsam frei zu musizieren („Jamsession“) und wie unterschiedlich eine solche Situation sich entwickeln kann. Hier zwei Beispiele:

Situation 1:

Manchmal kommt es vor, dass Menschen zusammen kommen, die, jeder für sich, ihren ganz eigenen „Flow“ spüren, es aber nicht schaffen, sich auf ihre Mitmenschen einzuschwingen. Bei einer Jamsession könnte das so aussehen, dass der Trommler einen anderen Rhythmus spielt als der Gitarrist und der wiederum in einer anderen Tonlage spielt als der Sänger usw. Jeder für sich kann dabei die Wahrnehmung haben „im Takt“ und „in tune“ zu sein, während jeder andere Musiker aus seiner Wahrnehmung heraus offensichtlich „falsch“ spielt. Jeder einzelne ist in (irgendeinem) Takt, jeder einzelne macht für sich genommen alles richtig, und doch ist alles, was dabei herauskommt, für Außenstehende ein disharmonischer Brei aus verschiedenen Geräuschen, aber ein Hörgenuss ist dies eher nicht – selbst wenn hier lauter Profimusiker am Werk sind.

Situation 2:

Wenn bewusste Musiker zusammen kommen, die intuitiv reinspüren können, welche Frequenz, welcher Rhythmus, welche Melodie gerade „aus dem Feld“ geholt und gespielt werden möchte, dann ergibt sich alles wie von selbst: der Trommler beginnt, einen Rhythmus zu spielen, andere steigen darauf ein und die Musik entsteht einfach so, ohne dass Einer dem Anderen vorschreibt, was er zu spielen hat. Alle reiten gemeinsam dieselbe Welle und je besser jeder Einzelne sein Instrument beherrscht, desto deutlicher und intensiver kann diese Welle auch für die Zuhörer im Raum wahrgenommen werden. Es öffnet sich eine ganz eigene Welt aus purem Klang und Harmonie, ganz intuitiv und aus dem Hier und Jetzt heraus.

Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Situationen ist der, dass in Situation 2 niemand dabei ist, der anderen seinen Flow aufzwängt. Jeder Musiker begibt sich achtsam ins Feld und spürt hinein, wie sich die für alle Beteiligten im gegenwärtigen Augenblick spürbare, perfekte Welle ausdrücken möchte. Doch wonach entscheidet sich, welches die perfekte Welle ist? Ganz einfach: das geschieht am besten und leichtesten ganz von selbst. Die für alle Beteiligten perfekteste Welle ist diejenige, mit der sich eben alle Beteiligten für den Moment am wohlsten fühlen. Und dabei geht es eben genau um das: ums Fühlen und nicht ums Wollen oder Forcieren. Wenn etwas „im Flow“ geschieht, dann spüren wir das intuitiv und je besser wir mit unserem imaginären Surfbrett vertraut sind, also je stärker wir mit unserem Selbst verbunden sind, desto leichter fällt es uns auch, jede Welle so zu nehmen, dass sie am meisten Freude bereitet und die Situation magisch werden lässt.

Wie wir zu kollektiven Meistern im Wellenreiten werden

Es ist also eine Sache, Meister im Wellenreiten zu sein und eine andere, diese Kunst auch in einer Gruppe oder Gemeinschaft auszuüben, also zusammen mit Anderen gemeinsam auf der best möglichen Welle zu reiten. Denn es reicht am Ende nur ein einziger Mensch, um die Gruppenenergie einer Jamsession mit seinem „taktlosen Herumgeklimper“ zunichte zu machen. Wir alle kennen solche Situationen, in denen wir den einen Störenfried am liebsten aus der Gruppe verbannen möchten, weil er uns so hart triggert. Aber wenn das die Lösung für ein harmonisches Zusammenleben wäre, dann würden wir das auch längst so praktizieren und alle wären glücklich, oder? Was also tun?

Wenn wir als Kollektiv wirklich etwas großes bewirken wollen, also gemeinsam die für alle Beteiligten best-mögliche Welle reiten möchten, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als dafür zu sorgen, dass jeder Mitwirkende seine Sender/Emfänger – Organe (Herz und Hirn) auf eine Frequenz einstellt, die von allen Beteiligten auch gesendet und empfangen werden kann. Dies ist die wahre Lebenskunst: Eine Frequenz zu finden, auf die sich jeder gerne ein- und hochschwingt, so dass auch der taktloseste Anfänger eines Tages spielerisch zum Meister im Wellenreiten wird. Dazu kann jeder Einzelne beitragen und dies lässt sich auch niemandem erklären. Es lässt sich nur selbst praktizieren und andere mit in den „flow“ holen, der durch jeden kreiert wird, der sich auf die für ihn schönste (und für alle Anwesenden auch fühlbare) Frequenz einschwingen möchte. Wie beim Wellenreiten heißt es auch hier: üben, üben, üben. Und beobachten, beobachten, beobachten. Und wenn die Welle zu groß und mächtig war, dann mit der nächst kleineren nochmal versuchen, bis es klappt.

Denn dann, irgendwann, nehmen wir jede Welle, wie sie eben kommt!

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